Redaktion KMU Beteiligungsforum Schweiz
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Der französische Pharmakonzern Ipsen hat das Schweizer Biotech-Unternehmen Memo Therapeutics übernommen. Der mögliche Gesamtwert der Transaktion liegt bei mehr als 700 Millionen Euro, davon 200 Millionen Euro beim Vollzug. Die vielleicht interessanteste Zahl steht jedoch gar nicht im Kaufpreis: Bevor Ipsen die Gesellschaft übernahm, wurden wesentliche Technologien, Forschungsprogramme und Mitarbeitende in ein neues Unternehmen ausgegliedert, das bei den bisherigen Memo-Aktionären verbleibt. Der Fall zeigt, weshalb ein Life-Science-Exit wesentlich komplexer sein kann als die Zahl in der Schlagzeile.
Im Life-Science-Cluster rund um Zürich entstehen regelmässig Unternehmen, deren Wert sich mit klassischen Bewertungsmethoden nur schwer erfassen lässt. Bei einem Industrieunternehmen stehen Fabriken, Auftragsbestand, Umsatz und Margen im Mittelpunkt. Bei einem Biotech-Unternehmen können einzelne Wirkstoffe, Patente, klinische Daten und Technologieplattformen völlig unterschiedliche Risikoprofile und damit völlig unterschiedliche wirtschaftliche Werte haben. Memo Therapeutics aus Schlieren ist dafür derzeit eines der anschaulichsten Schweizer Beispiele.
Das Unternehmen entstand 2012 als Spin-off aus dem Department of Biosystems Science and Engineering der ETH Zürich und entwickelte sich zu einem klinischen Biotech-Unternehmen mit Schwerpunkt auf therapeutischen Antikörpern. Im Mai 2024 erweiterte Memo seine Series-C-Finanzierung auf insgesamt 45 Millionen Franken. Zu den Investoren gehörten unter anderem Pureos Bioventures, Swisscanto, Ysios Capital, Kurma Partners, Vesalius Biocapital und Adjuvant Capital. Das Kapital sollte vor allem die klinische Entwicklung des Hauptprogramms vorantreiben, damals noch unter der Bezeichnung AntiBKV, heute Potravitug.
Gut zwei Jahre später stand genau dieses Programm im Zentrum einer Transaktion mit Ipsen. Am 1. Juli 2026 gaben beide Unternehmen bekannt, dass Ipsen sämtliche Aktien von Memo Therapeutics übernimmt; am 22. Juli 2026 wurde die Akquisition vollzogen. Der unmittelbare Kaufpreis beträgt 200 Millionen Euro auf Cash-free-/Debt-free-Basis. Hinzu kommen erfolgsabhängige Zahlungen, die an Entwicklungsfortschritte, Zulassungen und Verkaufsziele gekoppelt sind. Werden alle Meilensteine erreicht, kann die Gesamtgegenleistung auf mehr als 700 Millionen Euro steigen.
Daraus lässt sich eine einfache Geschichte machen: Ein Schweizer Biotech-Unternehmen wird für mehr als 700 Millionen Euro verkauft. Falsch wäre das nicht. Es blendet aber einen erheblichen Teil der wirtschaftlichen Struktur aus.
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200 Millionen Euro heute, mehr als 500 Millionen hängen von der Zukunft ab
Wie viele Biotech-Übernahmen besteht auch der Memo-Deal aus einem sofort fälligen Betrag und einem deutlich grösseren möglichen künftigen Anteil. Die bisherigen Aktionäre erhalten zunächst 200 Millionen Euro. Weitere mehr als 500 Millionen Euro können folgen, wenn Potravitug definierte Entwicklungs-, Zulassungs- und kommerzielle Meilensteine erreicht. Der maximal kommunizierte Dealwert ist also keine Summe, die Ipsen am Tag der Übernahme überwiesen hat, sondern zu einem wesentlichen Teil eine bedingte Forderung auf künftigen Erfolg.
Das hat einen guten Grund. Potravitug ist deutlich weiter entwickelt als ein frühes Forschungsprojekt, aber noch nicht am Ende des Weges. Zum Zeitpunkt der Übernahme befand sich das Programm in Phase II, eine pivotale Phase-II/III-Studie war in Vorbereitung, eine Marktzulassung gab es noch nicht. Ipsen übernimmt damit weiterhin Entwicklungsrisiko: Die nächste Studie kann erfolgreich sein, die Behörden können die Daten akzeptieren, das Medikament kann einen relevanten Markt erreichen. Es können aber auch Rückschläge eintreten.
Deshalb bezahlt Ipsen nicht schon heute den Wert, den Potravitug im bestmöglichen Szenario einmal haben könnte. Ein Teil des Preises wird erst fällig, wenn aus wissenschaftlicher Wahrscheinlichkeit messbarer Fortschritt geworden ist. Für beide Seiten ist das eine elegante Konstruktion: Ipsen vermeidet es, für Erfolg zu bezahlen, bevor er eingetreten ist. Die Memo-Aktionäre verzichten auf einen Teil des sicheren Kaufpreises, behalten aber das Aufwärtspotenzial, falls Potravitug zugelassen und erfolgreich vermarktet wird. Der Kaufpreis verteilt sich gewissermassen über die weitere Entwicklung des Wirkstoffs.
Der Zeitpunkt der Übernahme war kein Zufall
Aufschlussreich ist, was unmittelbar vor dem Deal geschah. Am 18. Juni 2026 präsentierte Memo am American Transplant Congress die vollständigen Daten der Phase-II-Studie SAFE KIDNEY II.
Potravitug wird gegen die Reaktivierung des BK-Polyomavirus bei Nierentransplantierten entwickelt. Das Virus ist weit verbreitet und bleibt bei den meisten Menschen unauffällig. Nach einer Transplantation muss das Immunsystem jedoch medikamentös unterdrückt werden, damit das neue Organ nicht abgestossen wird. Dadurch kann sich das Virus reaktivieren und im ungünstigen Fall die transplantierte Niere schädigen. Eine zugelassene zielgerichtete Therapie gibt es dafür bislang nicht.
In der Studie zeigte Potravitug nach Angaben von Memo einen anhaltenden antiviralen Effekt. In Woche 38 war bei 24,4 Prozent der behandelten Patienten keine BK-Virus-DNA mehr im Blut nachweisbar, gegenüber 13,0 Prozent unter Placebo. Eine Reduktion der Viruslast um mehr als zwei Log-Stufen erreichten 40,3 Prozent der behandelten Patienten, gegenüber 24,7 Prozent unter Placebo. Behandlungsbedingte schwerwiegende unerwünschte Ereignisse traten gemäss Memo nicht auf.
Weniger als zwei Wochen nach dieser Präsentation wurde die Übernahme bekannt gegeben. Das illustriert einen zentralen Mechanismus von Biotech-Investments: Wert entsteht häufig nicht kontinuierlich, sondern rund um klar definierte De-Risking-Ereignisse. Eine Finanzierungsrunde schafft Kapital, eine erfolgreiche Studie reduziert wissenschaftliches Risiko, positive Daten wecken das Interesse strategischer Käufer, eine Zulassung beseitigt regulatorisches Risiko. Bei Memo lässt sich dieser Zyklus ungewöhnlich klar verfolgen: 2024 Kapitalaufnahme für die klinische Entwicklung, im Juni 2026 umfassende Phase-II-Daten, wenige Wochen später die Übernahme.
Was Ipsen nicht gekauft hat
Der ungewöhnlichste Teil der Transaktion steckt in einer Bedingung, die vor dem Vollzug erfüllt sein musste. Ipsen wollte im Kern Potravitug; andere Vermögenswerte von Memo sollten nicht in der übernommenen Gesellschaft verbleiben.
Deshalb wurden vor dem Closing alle Assets und Mitarbeitenden, die nicht mit Potravitug verbunden waren, in eine neu gegründete Gesellschaft namens Memorises Bio übertragen, die bei den bisherigen Memo-Aktionären verbleibt. Dabei handelt es sich keineswegs um Restbestände: Ausgegliedert wurden ausdrücklich die Antikörperplattform DROPZYLLA sowie die Zusammenarbeit mit dem australischen Biopharma-Konzern CSL am Rec-IgG-Projekt.
Das verändert die Betrachtung des gesamten Exits. Formal hat Ipsen sämtliche Memo-Aktien erworben. Wirtschaftlich wurde vorher aber ein Teil des Portfolios herausgelöst. Der Käufer erhielt das Asset, das er wollte; die bisherigen Aktionäre erhielten einen Kaufpreis dafür und behielten zugleich andere Technologien und Programme in einer neuen Gesellschaft.
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Ein Exit bedeutet nicht, dass alles verkauft wird
Gerade bei Biotech-Unternehmen wird oft so gesprochen, als bestehe ein Unternehmen aus einem einzigen Vermögenswert: Es wird mit 300 Millionen bewertet, dann mit 500 Millionen, dann für 700 Millionen verkauft. Diese Betrachtung ist bequem, im Life-Science-Bereich aber oft zu simpel.
Memo bestand wirtschaftlich aus mehreren Bausteinen: Potravitug als klinisch am weitesten fortgeschrittener Wirkstoff, DROPZYLLA als Plattform zur Antikörperentdeckung, weitere Forschungsprogramme, geistiges Eigentum, Know-how, Daten, Personal und die Kooperation mit CSL. Diese Bausteine befinden sich in unterschiedlichen Entwicklungsstadien, tragen unterschiedliche Risiken und müssen nicht denselben Käufer interessieren.
Ipsen wollte mit Potravitug vor allem sein Portfolio im Bereich seltener Erkrankungen ausbauen. Die übrigen Teile passten weniger unmittelbar zu dieser Strategie. Statt sie mitzukaufen, wurden sie herausgelöst. Das heisst nicht, dass sie wertlos sind; sie passen lediglich nicht zur Strategie dieses Käufers. Für die Memo-Aktionäre hatte das einen weiteren Vorteil: Die Assets verschwinden nicht unter dem Dach eines Konzerns, der sie womöglich nicht priorisiert hätte.
Der Carve-out schafft eine zweite Option
Vereinfacht lässt sich die Transaktion als zwei getrennte Wertpfade betrachten. Der erste betrifft Potravitug: 200 Millionen Euro beim Closing und weitere Zahlungen, falls Meilensteine erreicht werden. Der zweite betrifft Memorises Bio. Entsteht aus DROPZYLLA, der CSL-Kooperation oder weiteren Programmen künftig ein Wirkstoff, eine Partnerschaft oder gar ein eigener Exit, fliesst dieser Wert den bisherigen Eigentümern zu.
Wie hoch dieser verbleibende Wert ist, lässt sich aus öffentlichen Informationen nicht seriös bestimmen; eine eigenständige Bewertung von Memorises Bio wurde nicht veröffentlicht. Es wäre deshalb falsch, die 700 Millionen Euro um einen geschätzten Wert der ausgegliederten Gesellschaft zu erhöhen. Festhalten lässt sich aber: Der kommunizierte Kaufpreis umfasst nicht sämtliche wirtschaftlichen Werte, die zuvor bei Memo lagen. Ob aus Memorises Bio je etwas Bedeutendes entsteht, ist offen. Gerade deshalb ist diese Optionalität im Biotech-Bereich wertvoll.
Wo der Käufer einsteigt: zwischen Laborhypothese und zugelassenem Medikament
Strategische Pharmakäufer fragen bei solchen Transaktionen weniger, wie viel Umsatz ein Unternehmen heute erzielt, sondern wie attraktiv ein bestimmtes Medikament oder eine Technologie für das eigene Portfolio ist.
Bei Potravitug hatte sich das Risikoprofil zum Zeitpunkt der Übernahme bereits deutlich verbessert. Memo hatte den Wirkstoff durch Phase II gebracht und klinische Daten erzeugt. Potravitug verfügt zudem seit 2023 über eine Fast-Track-Designation der US-Arzneimittelbehörde FDA und seit Dezember 2025 über den Orphan-Drug-Status in der Europäischen Union. Ipsen kaufte damit keine reine Laborhypothese, aber auch noch kein zugelassenes Medikament mit etabliertem Umsatz.
Genau in diesem Zwischenstadium entstehen im Biotech-Bereich häufig die interessantesten M&A-Strukturen. Je weiter ein Medikament entwickelt ist, desto geringer das wissenschaftliche Risiko und desto höher der Preis. Wartet ein Pharmakonzern bis zur Zulassung, gewinnt er Sicherheit, bezahlt aber womöglich erheblich mehr. Kauft er früher, bezahlt er weniger, trägt aber mehr Entwicklungsrisiko.
Die erfolgsabhängige Kaufpreisstruktur überbrückt diesen Zielkonflikt. Die Memo-Aktionäre können argumentieren, Potravitug sei deutlich mehr als 200 Millionen Euro wert; Ipsen kann erwidern, dieses Potenzial sei noch nicht bewiesen. Der Abstand zwischen 200 und mehr als 700 Millionen Euro ist im Kern der Preis für verbleibende Unsicherheit. Behalten die Verkäufer recht, steigt der tatsächliche Kaufpreis. Scheitert die Entwicklung, hat Ipsen nicht am ersten Tag für einen Erfolg bezahlt, der nie eintritt.
«Cash-free/debt-free» ist mehr als eine Fussnote
Die 200 Millionen Euro werden ausdrücklich auf Cash-free-/Debt-free-Basis angegeben, eine Formulierung, die in der Berichterstattung gern überlesen wird.
Bei Übernahmen wird grundsätzlich zwischen dem Wert des operativen Geschäfts (Enterprise Value) und dem Wert des Eigenkapitals unterschieden, der am Ende auf die Aktionäre entfällt. Eine Cash-free-/Debt-free-Bewertung unterstellt, dass der Käufer das Unternehmen ohne überschüssige flüssige Mittel und ohne Finanzschulden übernimmt. Je nach Kaufvertrag verändern vorhandene Liquidität, Schulden, Nettoumlaufvermögen und weitere Positionen den tatsächlich gezahlten Betrag.
Auch die 200 Millionen Euro werden deshalb nicht automatisch exakt und proportional an alle bisherigen Aktionäre verteilt. Was ein einzelner Investor tatsächlich erhält, hängt zusätzlich von Aktienklassen, Liquidationspräferenzen, Transaktionskosten, Kaufpreisanpassungen und gegebenenfalls Steuern ab. Für Anleger in Privatmarktbeteiligungen ist das entscheidend: Die Schlagzeile eines Exits ist nicht die Rendite der Aktionäre.
Kein simples Multiple aus Finanzierungsrunde und Kaufpreis
Naheliegend wäre es, die Series C über 45 Millionen Franken mit den mehr als 700 Millionen Euro zu vergleichen und daraus eine spektakuläre Rendite abzuleiten. Das wäre unseriös.
Die 45 Millionen Franken waren das Volumen einer einzelnen Finanzierungsrunde, nicht die Bewertung des Unternehmens; die Bewertung der Series C wurde nicht veröffentlicht. Die 700 Millionen Euro sind ein maximal möglicher Transaktionswert, nicht der gezahlte Kaufpreis. Hinzu kommt Memorises Bio mit Assets, die gar nicht verkauft wurden. Ohne Pre- und Post-Money-Bewertungen, Einstandspreise, Aktienklassen und Beteiligungsquoten lässt sich nicht bestimmen, welches Multiple einzelne Investoren erzielt haben. Der Deal mag sehr erfolgreich gewesen sein. Wie erfolgreich, lässt sich aus der Pressemitteilung nicht berechnen.
Exit, Earn-out und Carve-out
Wer die Memo-Transaktion verstehen will, muss drei Komponenten auseinanderhalten:
den sicheren Kaufpreis beim Closing: 200 Millionen Euro auf Cash-free-/Debt-free-Basis;
die erfolgsabhängigen Zahlungen (Earn-out): Sie können den Gesamtwert bei Erreichen bestimmter Entwicklungs-, Zulassungs- und kommerzieller Meilensteine auf mehr als 700 Millionen Euro erhöhen;
Memorises Bio: die ausgegliederte Gesellschaft mit den nicht Potravitug-bezogenen Assets und Mitarbeitenden, die bei den bisherigen Aktionären verbleibt und in keinem Kaufpreis erscheint.
Gerade diese dritte Ebene macht den Fall aussergewöhnlich. Die Aktionäre verkaufen nicht einfach alles, sondern realisieren Wert aus dem am weitesten entwickelten Programm und bleiben zugleich an anderen Teilen der aufgebauten Technologie beteiligt.
«Wie hoch war der Exit?» ist die falsche Frage
Die übliche Schlagzeile lautet: «Ipsen übernimmt Memo Therapeutics für mehr als 700 Millionen Euro.» Wer tiefer schaut, fragt: Wie viel davon wird heute tatsächlich bezahlt, und wie viel hängt von künftigen Ereignissen ab? Welches Asset rechtfertigt den Preis? Was wurde vor dem Closing herausgelöst, und welche Werte verbleiben bei den bisherigen Aktionären? Und wie viel Kapital mussten Investoren zuvor einsetzen, um das Unternehmen an diesen Punkt zu bringen?
Erst mit diesen Antworten wird aus einer Transaktionsmeldung eine Investmentanalyse. Bei Memo Therapeutics zeigt sie, dass der Deal mehr ist als ein klassischer Verkauf. Er ist zugleich Exit, Earn-out und Carve-out.
Ein Life-Science-Unternehmen hat nicht zwangsläufig einen einzigen Wert. Programme, Plattformen und Rechte können eigene wirtschaftliche Wege gehen. Ein guter Exit bedeutet deshalb nicht, dass sämtliche künftige Wertschöpfung verkauft wird. Manchmal besteht die klügste Transaktion darin, genau zu entscheiden, welchen Teil man verkauft – und welchen man behält.
Quellen: Ipsen und Memo Therapeutics, Mitteilungen vom 1. und 22. Juli 2026; Memo Therapeutics, Phase-II-Daten SAFE KIDNEY II, Juni 2026; Memo Therapeutics, Series-C-Finanzierung, Mai 2024; BioPharma Dive, 1. Juli 2026.
Dieser Beitrag dient ausschliesslich der allgemeinen Information und stellt weder eine Anlageberatung noch eine Empfehlung zum Kauf oder Verkauf von Beteiligungen oder Finanzinstrumenten dar. Beteiligungen an nicht börsenkotierten Unternehmen können illiquide sein und bis zum vollständigen Verlust des eingesetzten Kapitals führen.
